Wie kriminelle Fans den Fußball der Region gefährden: Ein Insider der Hooliganszene spricht im NZ-Interview über brutale Gewalt neben dem Fußballplatz
Wenn an diesem Wochenende in Polen und der Ukraine die Fußballeuropameisterschaft beginnt, werden nicht wenige besorgt auf die Gastgeberländer blicken: Denn auch bei diesem Turnier droht die Gefahr von Ausschreitungen durch Hooligans und Ultras. Dabei ist dies nicht nur ein Problem im Profifußball.Selbst in Amateurligen gibt es Fans, die ihre Vereine auf ihre eigene Weise „unterstützen“: Sie zünden „Bengalische Feuer“, bedrohen und verhöhnen gegnerische Spieler und verwandeln Stadien und Fußballplätze mit Schlägereien in Schlachtfelder. Auch in der Region gibt es gewaltbereite Anhänger: Besonders Kickers Emden musste lange Zeit mit einer Hooligananhängerschaft kämpfen. „Vor allem während der relativ erfolgreichen Jahren waren uns einige Anhänger der Kategorie C bekannt, also der aggressiven Fans“, erklärt Einsatzleiter Ingo Brickwedde von der Polizeiinspektion Leer/Emden. Allerdings hat sich dieses Problem quasi selbst gelöst: „Dadurch, dass sich Kickers in einer so schwierigen Lage befindet und insolvent ist, haben die meisten Anhänger das sinkende Schiff verlassen. So traurig der Abstieg aus sportlicher Sicht auch ist, aus polizeilicher Sicht sind wir froh darüber“, so der Einsatzleiter. Denn für einige Partien mussten regelmäßig „wahnsinnige Kräfte gebündelt werden“. Nicht selten kamen Reiterstaffeln zum Einsatz.
Und trotzdem: Nach wie vor hält sich im Nordwesten ein harter Kern von Ultras und Hooligans. Ein Kenner und ehemaliger Anhänger der Szene erklärt es im NZ-Interview so: „Die sind geil auf Gewalt!“
Er berichtet exklusiv in der Neuen Zeitung vom Kick, den zahlreiche Männer in Alkohol, Adrenalin und Gewaltexzessen suchen. Auch in unserer Region.
Neue Zeitung: Wie kommt man dazu, seine Freizeit mit Prügeleien neben dem Fußballplatz zu verbringen?
Hooligan: Ich fing vor einigen Jahren als Mitläufer an. Bekannte erzählten mir damals, wie geil der Adrenalinschub ist, den man bekommt, wenn man gemeinsam auf eine andere Gruppe los geht. Den Anfang machte dann die Partie Concordia Ihrhove gegen den SV Meppen. Die Lage ist damals schnell eskaliert und ich war mittendrin. Damit war der Grundstein gelegt. Allerdings ging es mir nie um den Ärger. Klar, auch ich habe provoziert und zugeschlagen. Aber in erster Linie ging es darum, an den Wochenenden unterwegs zu sein, Fußball zu gucken und Bier zu trinken. Ich war auch nie Hooligan, sondern Ultra.
Sie waren?
Ja, ich habe vor einiger Zeit schon aufgehört. Ich bin Familienvater, verheiratet und darum nicht mehr aktiv. Aber ich beobachte die Szene.
Das, was Sie als Hobby betrieben haben, hat aber rein objektiv betrachtet wenig mit Sport zu tun! Und es ging Ihnen um den Fußball?
Natürlich, wir habe gemeinsam mit der Mannschaft (Kickers Emden, Anm. d. Red.) gefeiert, aber auch gelitten. Es ist immer noch so, dass ich häufig vor dem PC sitze und die Tabellen und Neuigkeiten im deutschen Fußball studiere. Das fängt bei der ersten Liga an und hört in der zweiten Kreisklasse auf. Überhaupt spielte sich „unser Fußball“ eher im Amateurbereich ab. Wir sind nicht nach Bremen, Dortmund oder München gefahren sondern nach Büdelsdorf oder zu Bergedorf 85. Die Teams hatten teilweise nicht einmal richtige Stadien. Aber es ging ja auch darum, Kickers zu unterstützen.
Und wie sah die Unterstützung aus?
Wir sind zum Beispiel mit 15 vollbeladenen Bussen aus Emden zum FC. St. Pauli gefahren. Das schaffen selbst Bundesligaclubs nur selten!
Und nebenbei wurde geprügelt?
Das war tatsächlich nur Nebensache. Aber natürlich kam auch das vor. Bei einem Spiel ging es ziemlich heftig zur Sache: Ein Freund, der schon am Boden lag, wurde weiter zusammengeschlagen. Da sind wir natürlich dazwischen und haben die anderen abgehalten. Das hat mir damals gezeigt, dass einige einfach zu weit gehen. In einer anderen Situation wurden zehn von uns von 40 Oldenburgern bedroht. Die haben sich dann in einer Tankstelle in Papenburg verschanzt und die Polizei gerufen.
Gab es eigentlich Momente in denen Sie Angst hatten.
Ich erinnere mich an eine Situation, die mir bis heute in Erinnerung geblieben ist: Ein knapp 50 Jahre alter Hooligan vom VfB Oldenburg, der sich mit wesentlich größeren Ultras von Kickers Emden anlegt. Der Mann war völlig fertig, hatte keine Zähne mehr und einfach nichts zu verlieren. Angst hatte ich zwar nicht, aber diese kaputten Typen können einem - wenn es ernst wird - echt gefährlich werden.
Schiss hatte ich, als Kickers in Düsseldorf gespielt hat. Damals sind wir mit der S-Bahn zum Stadion und an einer Haltestelle warteten 60 echte Hooligans auf uns. Wir waren in der Unterzahl und die wollten uns aus der Bahn holen. Also haben sie eine Scheibe eingeworfen und wollten den Waggon stürmen. Dabei wurde eine unbeteiligte Frau ziemlich heftig verletzt, überall war Blut. Natürlich bin ich mit dem Mob geschwommen, hab gebrüllt: „Kommt doch!“ Aber innerlich dachte ich: „Das sind zu viele, jetzt ist es vorbei!“ Und in Oldenburg haben wir die Polizei einmal selbst um Begleitschutz gebeten, weil uns VfB-Hooligans auf den Fersen waren.
Häufig ist davon die Rede, dass Männer aus allen sozialen Schichten zu den Ultras und Hooligans gehören. Ist es tatsächlich so?
Wenn jemand sagt, dass es gang und gäbe ist, dass viele Ärzte, Anwälte oder Physiker zu der Szene gehören, kann ich nur erwidern: Blödsinn! Das mag es geben, ist dann aber sehr selten. Nichtsdestotrotz arbeitet einer der Kickers-Ultras mittlerweile als Kreativer Kopf beim Theater, ein anderer ist sogar Theologe. Und ein Eintracht Braunschweig-Hooligan, zu dem ich noch Kontakt habe, ist Jugendbetreuer bei der Caritas.
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